
Herr Matze liest nicht nur gerne – er verabscheut allerdings das, was nach landläufigen Vorstellungen als Gutes Buch gilt -, Herr Matze hat auch für die Dramatische Kunst etwas übrig und hin und wieder schwingt er sich sogar zu einem Opernbesuch auf. Der letzte dieser Art fand..oh Herrn Matze ist so, als wenn der vor genau 35 Jahren stattfand. Nun gut.
Herr Matze hatte sich mit einer Dame aus Berlin zu einem Opernbesuch verabredet.
Einer freundlichen, hübschen und kultivierten Dame. Der Fliegende Holländer. Das war gut, da würde Herr Matze gewiß nicht einschlafen, dazu war Wagner einfach zu laut.
Herr Matze hatte sich schick gemacht. Er trug seinen braunen Samtanzug. Der war im zwar am Bauch etwas eng, aber er würde es schon aushalten. Schließlich wollte er sich der Dame von seiner besten Seite zeigen.
Mehr als pünktlich traf Herr Matze vor dem Haus seiner Bekannten ein, es war warm, sehr warm, fast schon heiß zu nennen und Herr Matze hatte sich nicht eilen wollen, dabei kam man doch so ins Schwitzen, noch dazu mit dem Samtanzug. Um Sechs Uhr sollte sich Herr Matze bei seiner Bekannten einfinden, man würde sich begrüßen und notfalls würde die Dame die eine oder andere kleine Korrektur an Herrn Matzes Garderobe vornehmen.
Wir hatten schon gesagt, das es heiß war. Genau die richtige Temperatur für den kleinen Theobald um auf dem Balkon ein Bad im Planschbecken zu nehmen. Dabei geriet das entzückende Kind auf den Rand des Planschbeckens und dieses kippte um. Theobald saß darunter und heulte. Weil das Wasser weg war. Es befand sich auf dem Wege nach untern.
Dort stand just in diesem Moment Herr Matze, blickte noch einmal auf die Uhr und beschloß sich zu seiner Bekannten zu begeben. In diesem Augenblick ergoß sich das Wasser des Planschbeckens über Herrn Matze. Triefend stand er da und konnte es nicht fassen woher dieser Wolkenbruch aus dem Nichts gekommen war. Er schaute nach oben: strahlend blauer Himmel! Kein Wölkchen am Horizont. Unfassbar. Aber nun musste er wirklich zu seiner Bekannten. Was die wohl sagen würde??
Du lieber Himmel, wie siehst du denn aus???
Die nassen Sachen kannst du nicht anbehalten, vor allem die Hose..das sieht verboten aus, so als wenn du... Herr Matze wurde knallrot.
Warte mal, ich hab noch was von meinem Seligen, der war zwar etwas stabiler als du, aber zur Not geht es schon.
Herr Matze kam sich im dunklen Anzug des Verblichenen vor wie ein Kind in Großvaters Nachthemd. Die Hose war eine Handbreit zu lang, das Jackett hing um ihn herum...Herr Matze sah aus wie eine Vogelscheuche.
Nun müssen wir aber los!
In der Oper überkam Herrn Matze ein menschliches Bedürfnis, er bat seine Bekannte schon vorauszugehen, er käme gleich nach, 11. Reihe, Platz 16 und 17, das zu finden könne ja kein Problem darstellen.
Herr Matze hatte dann aber doch ein Problem: der Reißverschluß der Hose wollte sich partot nicht schließen lassen, erst nach mühevollem Gewürge gab er ein paar Zentimeter nach. Was solls sagte sich Herr Matze, ich tu einfach so, als wenn ich von nichts weiß.
So, und nun noch den Weg. Aber in seiner Aufregung lief Herr Matze in die falsche Richtung, plötzlich befand er sich im Keller, sonderlich hell war es hier auch nicht. Wo war er nur??
Wenn doch bloß jemand käme und ihn aus diesem Labyrinth befreite...
Ah, das sind Sie ja endlich! rief der Inspizient. Kommen Sie, kommen Sie. In der Maske waren Sie ja schon. Und der Inspizient ergriff Herrn Matzes Hand, der vergeblich Entschuldigungen stammelte und nicht wusste wie ihm geschah.
Die Musik wurde immer lauter und lauter, dann setzte sie aus. Es war totenstill.
Herr Matze wurde es unbehaglich zumute. Wo war er hier?? Was für ein Vorhang war das vor ihm???
Dann ging der Vorhang zur Seite und langsam erfasste Herr Matze das er auf der Bühne stand und ihn mindestens zweitausend Augen erwartungsvoll ansahen.
Mit lautem Wummm-Bummm setzte die Musik wieder ein, von der Seite her ein Zischen: Ihr Einsatz!
Endlich erfasste Herr Matze die Situation. Er musste jetzt etwas unternehmen.
Er trat einen Schritt vor, suchte mit den Augen seine Bekannte, die ihn erschrocken und fasziniert zugleich ansah, dann spürte er ihren Blick auf seiner Hose, hatte das fatale Gefühl, das eintausend Augenpaare auf seine nicht geschlossene Hose starrten ..
und dann sang er vor dem auserwählten, gut, aber sehr gut angezogenenm Publikum:
Reih Dich ein in die Arbeitsfront, weil auch Du ein Proletarier bist....
oder
Die Online-Tennisspieler
So. Hat ja wieder ewig gedauert. Mal sehen wer mich inzwischen besucht hat.
Herr Matze, der lange solo war und vor einiger Zeit beschlossen hatte, sich bei den Damen des Landes einwenig umzusehen, war bei der Singlebörse „Herzklopfen“ gelandet. Dort hatte er ziemlich bald gefunden, was er suchte: eine humorvolle, intelligente, gebildete Frau, die auch noch schön war. Leider hatte sie, wie fast alle Damen mit denen Herr Matze Zeit seines Lebens befreundet war, nur wenig Zeit. Irgendwas war immer. Oder Herr Matze war grade unabkömmlich. Nun gut.
Jedenfalls saß Herr Matze des öfteren abends vor seinem PC und schaute mal bei Herzklopfen rein. Nicht um zu suchen, sondern aus Neugier und um sich ein wenig die Zeit zu vertreiben.
Herr Matze hatte nach einiger Zeit bei Herzklopfen herausgefunden, das sich den Namen der Teilnehmerinnen schon sehr viel entnehmen ließ. Bei „Traumzauberfee“, „Sternennacht“ und „Waldröschen“ war klar, das die Damen die 40 schon ein Weilchen, ein gutes Weilchen hinter sich gelassen hatten. Romantisch veranlagte Naturen, die wohl ahnen mochten das es jenseits ihrer Kochtöpfe und Suppenschüsseln auch noch eine Welt gab, die im prosaischen Alltag nicht völlig aufgingen, und ihm letztlich doch nicht entfliehen konnten. Prosa und Sentiment gingen dabei merkwürdige Mischungen ein. Nun ja, um diese Damen machte Herr Matze einen großen Bogen, auch waren sie, die ahnen mochte was es mit ihm auf sich hatte, nicht an Herrn Matze interessiert. Dann gab es da noch den Typ der Kleinen frechen Göre. Jene hielt was ihr Name versprach. Aber diese, Frauen so um die Dreißig, waren nur frech. Vor allem zu Herrn Matze. Bei einer jungen Frau zum Beispiel, deren Antworten des Fragenkatalogs zur Person Herr Matze ganz lustig fand: Liebe Sie Tiere? – Ja, aber nur zum Frühstück und dann gut durchgebraten! Als Herr Matze dieser 35-jährigen schrieb, das sie wohl gleicher Geistesart seien und sich doch näher kommen könnten, nicht wahr? – da erhielt er zur Antwort, das die Dame nicht vorhabe ein Altersheim zu eröffnen...
Herr Matze war tief gekränkt.
Um den Typ der freche Göre macht er fortan einen sehr großen Bogen.
Am interessantesten waren jene Frauen, deren Name etwas exotisches hatte: Kylajo. Das war Kisuaheli und bedeutete Wunderschöner Morgen eines glückverheißenden Tages.
Kylajo war einfach prima. Leider wohnte sie ein bisschen arg weit weg.
Einmal erlebte Herr Matze auch einen Reinfall. Das war die Traumfrau. Sie hatte ein Bild von sich eingestellt: Herrn Matze lief das Wasser im Munde zusammen.
Die Traumfrau zeigte sich Herrn Matzes Annäherungsversuchen gegenüber sehr aufgeschlossen. Dann fragte er nach weiteren Bildern... Herr Matze schätzte, das zwischen dem ersten Bild der Traumfrau und den nachfolgenden, offenbar aktuelleren Photos, gut und gern 15 Jahre lagen...
Der Altersangabe: 47 traute Herr Matze auch nicht so recht.... Herr Matze fand, das die Traumfrau fatale Ähnlichkeit mit einem Faltenbalg hätte. Ein hartes Urteil, gewiß, aber nicht unberechtigt.
Dann aber hatte Herr Matze doch seine Freundin gefunden.
An diesem Abend also weilte Herr Matze wieder bei Herzklopfen, da kam eine Chatanfrage. Ob er Lust hätte mit der Orchidee zu plaudern? Aber gewiß doch! Es war die erste Chatanfrage die Herr Matze bei Herzklopfen erhalten hatte, und er war aufgeregt ob er den Schwierigkeiten, die es gewiß zu bewältigen gab, auch gewachsen sei. Dabei war es so simpel! Es machte Herrn Matze richtig Spaß mit der Orchidee herumzualbern. Plötzlich kam eine zweite Chatanfrage: Wilhelmine Tell aus Appenzell. Die war zwar schon 70, aber Herr Matze konnte das der alten Dame nicht abschlagen. Sie war einfach nett. Wilhelmine war an der Schweizergeschichte interessiert, und zeigte sich darin sehr beschlagen, verbesserte Herrn Matze hie und da sanft.
Auf einmal meldete sich die Traumfrau. Sie hätte eine böse Enttäuschung erlebt und suche eine starke Schulter an der sie sich ausweinen könne...
Eine starke Schulter! Konnte Herr Matze sich da verweigern?! Nein!
Langsam wurde es schwierig, Aber wenn Herr Matze acht gab, und aufpasste, war das alles noch zu bewältigen.
Plötzlich kam noch eine Chatanfrage: Schnuckiputzi fand Herrn Matze „so süß“! Schnuckiputzi kam aus Berlin, war 22 und hatte ein sehr offenherziges Bild von sich eingestellt. Herr Matze hatte es vor ein paar Tagen mit Wohlgefallen betrachtet, und seufzend beschlossen Schnuckiputzi nicht anzuschreiben: sie könnte glatt seine Tochter sein und würde ihm gar nicht antworten oder frech kommen. Aber nun wollte Schnuckiputzi mit ihm chatten. Konnte Herr Matze sich das entgehen lassen?? Natürlich nicht!! Der Chat mit Schnuckiputzi war sehr anregend, Herr Matze errötete als Schnuckputzi ihre virtuellen Verführungskünste spielen ließ.
Dann kam noch eine Anfrage. Jasmin war dran. Jasmin war eine Oberstaatsanwältin aus München. Eine attraktive, selbstbewusste Frau. Ein wenig sehr selbstbewusst vielleicht. Aber auch gebildet und nicht ohne Charme. Kein Drachen. Jasmin hatte des öfteren dienstlich in Berlin zu tun und keine Lust die Abende allein im Hotel zu verbringen. Sie suchte für ihre Berlin-Besuche einen Mann. Aber nicht irgendeinen Deppen und auch keinen cleveren Jungen, der ihr nur das Geld aus der Tasche ziehen würde. Nicht mit ihr. Jasmin hatte Ärger gehabt, ich möge sie doch ein wenig aufheitern, und nächsten Dienstag käme sie wieder nach Berlin, ich habe doch gewiß Zeit. Sie hätte schon 2 Karten für Fidelio reservieren lassen.
Da machte Schnuckiputzi den Vorschlag, sich am Dienstag mit ihr zu treffen, sie könne es kaum erwarten, er sei ja soo süß!! Und aus den jungen Kerlen mache sie sich nichts, die seien so lieblos und es ginge bei denen immer nur ruckzuck. Und leider ginge es erst Dienstag.
Herr Matze war ratlos. Jasmin oder Schnuckiputzi??
Als wenn sie es geahnt hätte, meldete sich plötzlich seine Freundin. Sie hätte jetzt Lust mit ihm zu chatten. Und außerdem: Sie könnten sich endlich mal wieder treffen. Am nächsten Dienstag! Ob er sich nicht freue?!
Jasmin zeigte sich inzwischen ungehalten: was denn nun sei?! Er möge doch bitte antworten!!
Schnuckiputzi ließ derweil ihre Finger gekonnt über seinen Köper gleiten....
Herr Matze hatte inzwischen erheblich damit zu tun die eintreffenden Nachrichten auch nur aufzunehmen....
Orchidee: Schläfst du schon?? Ich glaube fast..
Traumfrau: ....das ich diese Enttäuschung nie verwinden werde, weil
Wilhelmine: ...das Bundeslied 1723 von Gottlieb Grützenbächler umgedichtet wurde..
Jasmin: .. und du dir nicht vorstellen kannst, wie mir im Moment der Aktenkram aus dem Halse hängt....
Freundin: ...worüber Tante Josefine aus Helgoland ganz traurig war, aber dafür ...
Traumfrau:...kannst du noch Zärtlichkeit für mich empfinden? Leidenschaftlich...
Schnuckiputzi: ....sauge ich an deinem Bauchnabel....
Wilhelmine:...während General Guisan sagte..
Orchidee: ...ich liebe erotische Gedichte, vor allem wenn sie...
Freundin: ...im Büro aufräumen, weil wieder alles drüber und drunter geht...
Traumfrau:.....denn nur die Liebe zählt...
Schnuckiputzi: ....und du mich ganz langsam und zärtlich..
Jasmin:.. beim Flötensolo wenn ...
Freundin: ...wir am Samstag grillen...
Orchidee: ... und durch das ganze Haus jagen...
Wilhelmine:.... während der Bundesrat beschließt...
Schnuckiputzi: .. zu stöhnen...
Freundin: ....was mich ganz nervös machte...
Herr Matze war mittlerweile etwas konfus. Tapfer mühte er sich dennoch den Anfragen so gut es ging nachzukommen.
An Wilhelmine schrieb er, das er es kaum erwarten könne mit ihr am Dienstag ein bisschen Mathematik zu treiben: 3 mal 23 sei genau das Richtige!
Jasmin wunderte sich, als sie die Antwort erhielt, das Bundesrat Zwängli nicht 1939 sondern schon 1937 gesagt hätte: das Boot ist voll!
Orchidee war verblüfft, das er ihr für Fidelio absagte, weil er zu der Zeit eine interdisziplinäre Konferenz der Sozis besuche, da hätte er einen Termin mit dem Staatssekretär.
So ein Angeber!
Das er der Freundin versicherte, er sei untröstlich über den Schicksalsschlag, verstand diese nicht ganz: ihr war doch nur der Kuchen ein wenig dunkel geraten, weil sich ihre Kids mal wieder gestritten hatten. – Das er sich das aber auch so zu Herzen nimmt! –
Die Traumfrau war entzückt, als Herr Matze ihr mitteilte, das er sich schon auf das Treffen mit ihr freue.
Schnuckiputzi verstand nicht, warum Herr Matze ein Gedicht von ihr haben wollte, sehr romantisch, sicher, aber das hatte noch kein Mann von ihr gewollt. Und das mit den Kindern war völlig rätselhaft. Scheinbar doch ein sehr reifer Jahrgang der Herr.
Es kam zu verwunderten Rückfragen, Herr Matze bemühte sich nach Kräften es allen recht zu machen, doch grad dies wurde ihm, wie schon so oft, zum Verhängnis. Die Worte verschlangen und verhakten sich ineinander, mitunter ergab sich sogar ein halbwegs sinnvoller Zusammenhang, etwa wenn Herr Matze an seine Freundin schrieb, das er sie so gern besuche wie der Schmetterling die Orchidee, oder als er an die Orchidee schrieb, ihr erotisches Gedicht sei wie ein sanfter Kuß auf den Nabel.
Doch die eintreffenden Nachrichten kamen immer schneller, waren Herrn Matze immer unverständlicher, da geriet er in Panik und begann sinnlos auf der Tastatur herumzuklappern.
Irgendetwas musste er damit bei Herzklopfen ausgelöst haben, denn nun wimmelte es von Chatanfragen, die Nachrichten flimmerten nur so über den Monitor und da gab sich Herr Matze geschlagen.
Andern tags hörte Herr Matze im Radio, das das WWW weltweit zusammengebrochen war, der Ursache seien die Experten auf der Spur. Erste Vermutungen besagen, das es bei einer Singlebörse aus bislang unbekannten Gründen zu einer Überlastung gekommen war.
Wie issses nu bloß möglich, dachte Herr Matze bei sich.
Vor allem als er die nächste Rechnung der Telekom erhielt: 103759842033449076, 23 Euro.
Zahlbar innerhalb von 8 Tagen.
Herr Matze sitzt am Frühstückstisch, kaut an einem Bissen und ordnet seine marmeladengläser. So. die pfirsichkonfitüre kommt nach rechts, denn die hatte ich doch gerade. ach ja, etwas musik wäre ganz schön. geht zunm radio, fummelt daran herum ja abba, na gut, besser als dieses neumodische zeugs geht zurück an den frühstückstisch. ja was wollte ich denn jetzt essen. ach so ja, die pfirsichkonfitüre, deshalb hatte ich sie mir ja zurechtgestellt, die anderen hatte ich ja schon. macht sich eine 2. scheibe mit pfirsichkonfitüre. sehr lecker. nee, die hatte ich noch nicht, das würde ich doch merken. die zeitung? wo ist die zeitung. werd ich mal holen. holt die zeitung und macht sich eine dritte scheibe brot - mit pfirsichkonfitüre. hm schmeckt das gut. naja, abwechlung muß eben sein!